2018

Ausführliche Geschichte

Nirgends in den Chroniken und mittelalterlichen Geschichtswerken wird von einer Belagerung Naumburgs in den Hussitenkriegen etwas erwähnt.Uns ist es inzwischen zur Gewissheit geworden, dass die Hussiten niemals vor Naumburg gestanden haben. Und doch bildet die Kirschfestsage in ihren verschiedenen Ausschmückungen das kollektive Bewusstsein der Naumburger. Was also ist am Kirschfest wahr? Als ältestes Zeugnis gilt eine Ratsrechnung von 1526, die Ausgaben für Kirschen für ein Schulfest aufzeichnet. Die Kirschfest-Tradition ist wahrscheinlich noch älter, doch wurde sie erst später mit der Hussiten-Sage zusammengeführt. Erstmals ca. 1685 finden sich in Caspar Eulenbergers Chronicon Numburgense wird die Geschichte von der Errettung Naumburgs durch die Kinder erzählt – also rund 250 Jahre nach dem sagenhaften Ereignis. Von da an wird das Kirschfest stets unter dem Hussiten-Motto gefeiert. Zu jener Zeit blieb das Kirschfest und seine Sage auf den Bereich der Schulen beschränkt. Volkstümlich wurde sie erst mit dem Wirken des Garnison-Kinderlehrers Georg Rauh, insbesondere durch seine Flugschrift „Die Schwachheit über die Stärke oder gründliche Nachricht von dem 1432 vor Naumburg sich gelagerten Heere der Hussiten unter ihrem Heerführer Procopio und dem daher entstandenen Schul- oder Kirschfeste, 1782“. Rauh datierte die Belagerung vermutlich deshalb auf 1432, um für seine Schrift ein besonderes Jubiläum reklamieren zu können: 350 Jahre nach der Belagerung. Bereits damals war bekannt, dass die Hussiten allenfalls 1430 oder 1431 in der Nähe Naumburgs vorbeigezogen sein konnten. Rauhs Fassung ist dann von verschiedenen Schriftstellern und Zeitungen weiter ausgeschmückt worden; deutschlandweiten Ruhm erlangte Kotzebuhs Drama „Die Hussiten vor Naumburg“. Am bekanntesten natürlich wurde das – damals durchaus ironisch gemeinte – Kirschfestlied von Karl-Friedrich Seyferth, durch das heute jedes Naumburger Kind die Kirschfestsage kennt: